digitale Hypnose

Ich lese gerade ein Buch („der Philosoph, der nicht mehr denken wollte“), das mir einen interessanten Denkanstoß gegeben hat.

Jeder von uns hat schon zig Mal gehört, dass man das Handy nicht mit ans, oder noch schlimmer ins Bett nehmen soll.

  • Das blaue Licht verhindert einen erholsamen Schlaf
  • Vor dem Einschlafen noch schnell Nachrichten lesen, soziale Netzwerke durchforsten etc. wühlt auf und verzögert das Einschlafen
  • Man sollte sich nicht rund um die Uhr der Strahlenbelastung aussetzen
  • Im schlimmsten Fall liegt das an das Ladekabel angeschlossene Handy unterm Kopfkissen, was durch erhöhtes Brandrisiko besonders gefährlich ist.

Ja. Natürlich weiß ich das. Und doch nehme ich das Telefon mit. Meine „Ausrede“: Mir gehen beim Einschlafen zu viele Gedanken durch den Kopf, in denen ich mich verstricke und dann oft stundenlang wachliege. Wenn ich ein Hörbuch laufen lasse, höre ich zu, schalte ab, und bin noch vor dem Ende des ersten Kapitels eingeschlummert. Natürlich könnte ich auch einen guten, alten MP3-Player auskramen. Aber mit dem habe ich keinen Zugriff auf meinen Online-Streaming-Dienst, über den ich die Hörbücher höre.

Mein „Deal“ mit mir selbst: Ich stelle das Handy nachts auf Flugmodus. Dann müsste es doch weniger strahlen, oder?

Wenn ich morgens aufwache und noch ein bisschen Zeit habe, bleibe ich liegen, gehe wieder Online und schaue, ob ich Nachrichten bekommen habe, und was so passiert ist in der Welt. Oder, anders gesagt: Ich verschwende meine Zeit mit unproduktivem „durch-Facebook-scrollen“.

Jetzt zurück zu dem Buch: Dabei geht es um einen Mann, dessen Frau im Urwald umgekommen ist. Der Mann möchte sich an dem Stamm, den er für ihren Tod verantwortlich macht, rächen. Dabei möchte er sie jedoch nicht töten, sondern sie lange quälen. Nicht mit körperlichen, sondern mit psychischen Foltermethoden.

Die Mitglieder des Stammes führen ein einfaches, glückliches Leben. Umgekehrt ausgedrückt: Sie sind glücklich, weil ihr Leben einfach ist. Sie genießen jeden Augenblick, ohne daran zu denken, was sie in der Zukunft tun werden, oder was in der Vergangenheit war. Sie sind froh mit dem, was sie heute haben. Wenn sie etwas verloren haben, denken sie nicht mehr daran, ärgern sich nicht darüber, sondern streichen es aus ihrem Bewusstsein. Wozu über etwas nachdenken, was nicht mehr da ist? Kein Stammesmitglied ist jemals unaufrichtig, sie urteilen nicht übereinander und müssen demnach auch nicht fürchten, beurteil zu werden. Niemand vergleicht sich oder möchte andere übertrumpfen. Jeder hat seine Aufgabe und seine Daseinsberechtigung, jeder ist gleich wichtig.

Um sich nun zu rächen, plant der verwitwete Mann, diesen friedlichen, zufriedenen Umgang miteinander zu stören. Er weiß, dass das nicht einfach wird. Er hat den Stamm lange studiert und sich folgenden Plan zurecht gelegt: Er möchte sie „in einen unbewussten Zustand versetzen, ihren Geist einschläfern, ihre Seele benommen machen“. Er erklärt seinen Helfern, er wolle „ihre Aufmerksamkeit in eine andere Richtung lenken, weg von ihnen und der Wirklichkeit“. Er wolle sie hypnotisieren – am besten morgens: „Die Neuropsychater wissen, dass die erste Aufgabe, der man sich nach dem Aufstehen widmet, vom Gehirn als die wichtigste interpretiert wird. Folglich stellt es dann seine Kapazitäten in den Dienst ähnlicher Aufgaben, zum Nachteil der anderen“. Als seine Helfer den Witwer bitten, konkreter zu werden, beschreibt er Folgendes: Wenn man den Tag mit E-Mail-Lesen beginnt, glaubt das Gehirn, das Wichtigste seien die Informationen, die man von außen empfängt. Wenn man das jeden Tag tut, fällt es einem immer schwerer, sich zu konzentrieren und eigenständig zu denken. Das Gehirn lernt, dass es vor allem dazu da ist, äußere Reize zu empfangen, statt “von innen her Gedanken hervorzurufen“.

Ich fühle mich ertappt, und zwar so richtig! Ich gehöre nicht zu den schlimm Handy-süchtigen. In der Regel klappe ich den Laptop nur dann auf, wenn ich etwas zu tun habe (aktives Erledigen statt passive Berieselung). Die einzige Art von „Fernsehen“, die mich fasziniert, ist der Ausblick auf eine schöne Landschaft – vor der Flimmerkiste sitze ich selten. Sogar das Nachrichten-Schauen, Lesen und Hören habe ich mir schon vor einiger Zeit weitestgehend abgewöhnt, da ich gemerkt hatte, dass die Dauer-Berieselung mit schlechten Nachrichten mich bedrückte.

Und trotzdem hat die „Hypnose-Maschinerie“ auch mich fest im Griff, das kann ich beim besten Willen nicht abstreiten.

Verdammt. Und nun?

Als erstes fliegt das Handy aus dem Schlafzimmer. Endgültig. Na gut, noch nicht heute. Vielleicht auch nicht mehr diese Woche. Aber sobald ich mich mit Hörbüchern und einem MP3-Playe ausgestattet habe, gibt es für mich berieselungsfreie Zeit. Flugmodus an! Und zwar nicht mehr nur zum Schlafen, sondern ab 21 und bis 9 Uhr. 12 Stunden, in denen ich selbstverständlich wenn etwas Dringendes ist für meine Lieben erreichbar bin – aber ansonsten abschalte. Weder vor, noch nach dem Einschlafen berieseln lassen. Sollte ich irgendwann mal wieder auf Rad- oder Lauftour sein, wird ebenso der MP3-Player ablenkungs- und strahlenfrei für Unterhaltung sorgen.

Aber was, wenn man unterwegs eine Panne hat und jemanden anrufen muss? Wenn man sich verfährt und bei Google Maps nach dem Weg schauen muss? Komisch. Vor zehn Jahren habe ich darüber nie nachgedacht. Damals habe ich völlig unbekümmert im Zweifelsfall jemanden nach dem Weg gefragt, und wenn ich einen Defekt hatte den Zug genommen. Man wird wirklich unselbstständig mit dem ganzen technischen Kram und fühlt sich ohne hilflos. Ein Negativbeispiel für die Macht der Gedanken.

„Offline ist the new luxury“ – das Statement hatte ich die Tage auf der Arbeit aufgeschnappt. Da hielt ich es noch für eine komische Aussage. Man kauft sich teuer den „Luxus“, immer und überall erreichbar und online zu sein – um es dann ungekehrt als Luxus zu bezeichnen, eben das nicht zu sein. Jetzt sehe ich ein, dass ich mich zumindestens zum “Wiedereinstieg” bewusst zu diesem Offline-Luxus entscheiden muss. Wobei ich  hoffe, dass es mir bald wieder normaler vorkommen wird.

Zurück zu meinen Erkenntnissen aus dem Buch:

Als zweite Schlussfolgerung werde ich mein „Nach-dem-Aufstehen-Verhalten“ überdenken. Auch wenn jede Zeit die richtige Zeit für positive Gedanken und Energie ist, werde ich mich nach Strategien umschauen, wie ich mich intensiv und bewusst darauf konzentrieren kann – und das morgens ausprobieren. Ich mache schon jetzt gerne Yoga und meditiere ab und an – warum nicht als kleines Morgenritual?  Vielleicht hilft das ja sogar gegen „Morgenmuffeligkeit“ 🙂 .

1 thought on “digitale Hypnose

  1. Sagst du bitte Bescheid, sobald du das erfolgreich umgesetzt hast und vor allem: bringst mir bei, wie man sich diesbezüglich umstellt? Ich habe mir schon so manches Mal vorgenommen, den Tag mit dem “#miraclemorning”, also etwas Yoga, zu beginnen. Die Tage, an denen ich das geschafft habe, ließen sich sogar ohne Hände abzählen…

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